Mein Großvater war Musiker. Er leitete ein Orchester und spielte selbst
Geige und Klavier. Ich bewunderte ihn.
Wenn er von seiner Musik erzählte, wenn er selbst am Klavier saß oder
mir seine Geige zeigte, wenn ich seinen Taktstock aus feinem Holz und
Korkgriff anschauen und in der Hand halten durfte, und wenn der
Großvater mir zeigte, wie er damit dirigierte, dann konnte ich seine
Musik fühlen und spüren.
Ich träumte davon, Großvater würde mich eines Tages zu seinen Proben und
Konzertauftritten mitnehmen. Ich stellte mir vor, wie er mit seinen
Musikern Partituren besprach, wie er mit ihnen Stücke einübte und vor
Publikum auftrat. Wie dieser große und stattliche Mann sein Orchester
dirigierte, wie er, gepflegt wie immer, mit dunklem Anzug, vollem Haar
und voller Stolz darauf wartete, Erfolg zu haben und bewundert zu
werden. Es wäre faszinierend für mich gewesen, ihm zu lauschen und ihn
zu beobachten.
Großvater erhielt immer viel Beifall. Er genoss es, Mittelpunkt zu sein.
Alle respektierten ihn. Und alles geschah immer so, wie er es wollte.
Das beeindruckte mich sehr. Auch ich wollte einmal musizieren und
Klavier spielen, auch ich wollte einmal groß und berühmt werden wie mein
Großvater.
Dann passiert etwas. Jahre später. Sie sitzen alle zusammen. Nur der
Großvater fehlt. Sie haben ihn gerade beerdigt: Die Großmutter, die
Kinder und Enkelkinder. Sie streiten und schimpfen, vor allem die
Großmutter. Und ich erfahre, Großvater war gar nicht so toll, kannte nur
sich und seine Interessen, hatte immer irgendwelche Frauengeschichten
und vernachlässigte die Großmutter und die 5 Kinder.
Jetzt streiten sie um das Erbe.
Der Älteste, Karl, hatte sich in einer Nacht-und-Nebel-Aktion von der
Großmutter alles Hab und Gut überschreiben lassen, was der Großvater in
Jahrzehnten aufgebaut hatte. Für die anderen Kinder bleibt nichts mehr
übrig.
Da schreit die dicke Elsa mit Hans, ihrem dritten Ehemann, und den
Kindern Friedrich, Elisabeth, Wilhelm und Gabriele: "Erbschleicher".
Jetzt schimpft die freche Meta mit ihrem Paul und den Kindern Inge,
Lore, Herrmann, Manfred und Liesel: "Betrüger". Da tobt Kurt, der extra
von weit angereist ist mit seinen beiden Töchtern Elke und Susanne:
"Lügner". Und die jüngste Tochter Erna mit ihrem Alfred, mit Renate und
Emma, bezeichnet den Bruder als "Dieb". Dem cleveren Karl mit seiner
Lina, "Linchen" genannt, macht das nichts aus. Er fühlt sich im Recht.
Er hat alles erreicht was er wollte.
Sie schreien und schimpfen, beleidigen sich schließlich gegenseitig und
machen sich Vorwürfe. Irgendwann weint die Großmutter. Sie ist der
ganzen Sache nicht gewachsen. Am Schluss sind alle böse miteinander und
gehen enttäuscht auseinander. Um den Großvater weint niemand.
Ich verstehe die Welt nicht mehr.
Aber eines Tages geschieht ein Wunder. Ich bekomme das Klavier, auf dem
ich endlich spielen lernen darf und später den Taktstock von Großvater.
Es gab nie ein schöneres Geschenk für mich.